Academia Philosophia Iuris 2005

2.  bis 6. August  2005, Kloster Lehnin

Kants Lehre vom richtigen Recht –
Aufklärung der Menschheitsfragen gegenwärtiger Jurisprudenz?

Im ersten Teil seiner Metaphysik der Sitten entwickelt Kant eine Rechtslehre, deren Grundsätze er auf den Kategorischen Imperativ zurückführt. In dem 1797 erstmals erschienen Werk befasst sich Kant mit nahezu allen Gebieten des Rechts und strebt dabei an, die verschiedenen Rechtsmaterien aus vorpositiven Prinzipien zu begründen. Ziel der Sommerakademie war es, die von Kant hierzu gefundenen Antworten in gemeinsamer Textlektüre zu erarbeiten und mit ungelösten Gegenwartsfragen der heutigen Rechtswissenschaft zu konfrontieren.

Der von Kant entwickelte Rechtsbegriff grenzt das Gebiet der Jurisprudenz von dem der Moral ab und scheidet damit den Kreis erzwingbarer Pflichten von dem Bereich moralischer Selbstverantwortung, in dem jeder die Lebensführung des anderen zu tolerieren hat. Der „Kopftuchstreit“ hat aufgezeigt, dass die Erfüllung religiöser Pflichten in den Widerstreit mit der Rechtspflicht des Beamten zur Neutralität gesetzt werden kann. Diesem Thema widmet sich der Eröffnungsvortrag.

Kant leitet aus seinem Rechtsbegriff ein „angeborenes Menschenrecht“ ab, dessen Zuweisungsgehalt den Menschen ursprünglich als Person konstituiert. Neueste Entwicklungen der Gentechnik haben demgegenüber die Frage aufgeworfen, inwiefern embryonales Leben verfügbar gemacht werden darf. Dies gibt Anlass, sich mit dieser Thematik näher zu befassen. Im Anschluss wandte  sich die Veranstaltung dann zentralen Lehrstücken des kantischen Privatrechts zu: Kants Ansatz einer vorpositiven Eigentumsbegründung wurde von ihm selbst auch auf Fragen des geistigen Eigentums ausgedehnt. Seine hierzu entwickelten Antworten sollten deshalb auf aktuelle Probleme auf diesem Gebiet (Stichwort „Musikpiraterie“) bezogen werden.

Am dritten Tag der Academia rückte dann das Strafrecht in den Mittelpunkt des Interesses. Kants Straftheorie gehört zu den Passagen seiner praktischen Philosophie, welche die Strafrechtswissenschaft seit jeher zu kritischen Diskussionen herausgefordert hat. Anhand des wieder virulent gewordenen Problems des Überzeugungs- und Gewissenstäters wurde der Frage nachgegangen werden, inwiefern Kants Option für eine Vergeltungstheorie auch hier den gerechten Schuldausgleich zu begründen vermag.

Schließlich beschäftigte sich die Sommerakademie mit dem Thema der Humanitätsintervention als aktuelle Frage des Völkerrechts. Zu diesem Rechtsgebiet hat Kant nicht nur in der Metaphysik der Sitten, sondern auch in seiner Friedensschrift Bleibendes beigetragen.

 

Folgende einführende Referate wurden gehalten:

 

Dr. Wolf-Rüdiger Molkentin, Hamburg:

„Nach der Toleranz - Eine Kantische Lektion zum Kopftuchstreit“

 

Rechtsanwalt Dr. Gerald Süchting, Berlin:

„Urheberrecht bei Kant? Grundlagen geistigen Eigentums in der Privatrechtslehre Immanuel Kants“

 

Prof.Dr. Michael Kahlo, Juristenfakultät Leipzig:

„Die Problematik des Handelns aus strafgesetzwidriger Richtigkeitsüberzeugung – Überlegungen im Anschluss an Kants Philosophie freiheitsgesetzlicher Praxis“

 

Prof. Dr. Michael Köhler, Universität Hamburg:

„Dimensionen rechtlicher Solidarität“

 

Prof.Dr. Diethelm Klesczewski, Juristenfakultät Leipzig:

„Die humanitäre Intervention - das letzte Veto der moralisch-praktischen Vernunft?“